Frankreich
Pflaumenholz, Kreuzdorn
um 1770
Maße: H x B x T: 111 x 100 x 51 cm, Schreibhöhe: 70 cm
Beschreibung:
Äußerst interessanter französischer Damenschreibtisch, der sowohl eine bemerkenswerte Furniertechnik als auch eine raffinierte Zentralverriegelung aufweist.
Auf leicht ausgestellten Beinen, vorne mit Messingabschlüssen versehen, steht das Schreibmöbel mit Zylinderverschluss, geschwungener Zarge und lose aufgelegter Marmorplatte. Je drei nebeneinanderliegende Schubladen befinden sich sowohl unterhalb als auch oberhalb des Schreibfaches.
Die Kanten und Randflächen des Möbels sind in Pflaumenholz furniert - das Hauptaugenmerk gilt aber den durch feinen Fadenintarsien eingefasste Flächen aus sogenanntem Austernfurnier. Die quergeschnittenen, also im Hirnholz verlegten Äste sind hier im wilden und ungeordneten Verband zusammengefügt.
Ist die Formensprache des Möbels noch der Mitte des 18. Jahrhunderts zuzuordnen, so treffen die Beschläge schon klar den Geschmack der Epoche Louis XVI.
Auffallend ist, dass es nur ein einziges Schloss gibt, doch aber alle Schubladen und auch der Zylinderverschluss verriegelt sind. Der Riegel des Schlosses schließt gleichzeitig auch die Schreibplatte, ein ausgeklügeltes System verschließt sämtliche weiteren Schubladen. (siehe beigefügtes Video)
Die Schreibfläche ist mit gepunztem Leder bezogen. Das Eingerichte besteht aus einem offenen Fach und vier treppenartig angeordneten Schüben.
Es sind die vielen bemerkenswerten und außergewöhnlichen Details, die dieses Möbelstück so besonders machen. Eines davon sind die Hinterstücke dieser kleinen Schubladen, die rund, bzw schräg ausgearbeitet sind und somit der Form des Korpusses folgen. Ein Detail, das man sich auch hätte sparen können, wenn man Arbeit gescheut hätte und lediglich auf eine schnelle Fertigung ausgewesen wäre.
Wissenswertes:
Der Begriff „Austernfurnier“ ist vor allem von englischen Möbeln bekannt, bei denen größere Äste aus Walnuss- oder Olivenholz -ebenfalls quer geschnitten und häufig spiegelbildlich angeordnet- auf Möbelflächen verlegt wurden. Die hier vorliegende französische Ausprägung, auch als „Rondelles de Saucisson“ bezeichnet, ist bislang nur wenig erforscht. Selbst zur verwendeten Holzart finden sich in der Literatur kaum gesicherte Angaben.
Eine von uns veranlasste Materialanalyse am Thünen-Institut in Hamburg ergab, dass es sich bei dem verwendeten Holz um Kreuzdorn (Gattung Rhamnus) handelt – ein strauchartiges Gehölz mit kleinen Ästen und interessanter Farbgebung des Holzes.
Möbel mit dieser besonderen Furniertechnik wurden in der Vergangenheit wiederholt der Werkstatt Hache in Grenoble zugeschrieben. So hat René Fonvieille in seinem 1974 erschienenen Werk "La Dynastie des Hache" mehrere Stücke dieser Art der Werkstatt zugeordnet; auch in dem bis heute häufig konsultierten Standardwerk von Pierre Kjellberg "Le Mobilier français du XVIIIe siècle“ ist ein entsprechend furnierter, mit Hache gestempelter Schreibtisch aufgeführt.
In dem 2005 erschienenen Fachbuch „Le Génie des Hache“ von Pierre und François Rouge wird die Zuschreibung jeglicher Austernfurnier- oder „Rondelles de Saucisson“ Möbel jedoch ausdrücklich zurückgewiesen. Eine vertiefende Begründung dieser Zurückweisung bleibt dort allerdings aus. (siehe beiliegende Fotos)
Gleichwohl erscheint aus meiner Sicht und der vieler Anderer eine Verbindung zur Werkstatt Hache weiterhin diskussionswürdig. Für Hache sprechen mehrere Punkte:
- Die stilistische Einordnung: Möbel mit dieser Furniertechnik tauchen überwiegend in der Gestaltung der Epoche Louis XVI auf, aber, wenn auch etwas seltener, so wie bei dem hier angebotenen Möbelstück im Louis-XV-Stil. Die über mehrere Generationen tätige Werkstatt Hache war genau in diesem Zeitraum aktiv. ( Thomas Hache 1664-1747, Pierre Hache 1703-1776, Jean-Francois Hache 1730-1796)
-Die Häufigkeit: Vergleichbare Möbelstücke tauchen immer wieder mal wieder auf dem Kunstmarkt auf und haben stets eine auffallend konstante Materialkombination, nämlich die Verbindung von Pflaumenholz mit dem als „Austernfurnier“ verarbeiteten Kreuzdorn. Diese wiederkehrende Kombination legt zumindest die Vermutung nahe, dass sie aus einem einheitlichen Werkstattzusammenhang stammen könnten. Die Hache Werkstatt war groß genug um Möbel dieser Art in einer gewissen Regelmäßigkeit zu fertigen.
-Die Furnier- und Beiztechnik: Es ist sicher, dass die Werkstatt Hache für ihre Experimentierfreude im Umgang mit außergewöhnlichen Furnieren bekannt war. Man verwendete außergewöhnliche Wurzel und Maserhölzer und gestaltete daraus interessante Flächenbilder. Auch die Technik der Holzfärbung, wie sie sich bei dem hier angebotenen Möbelstück insbesondere in den feinen Bandintarsien zeigt, beherrschte man in der Hache Werkstatt. Ein zentrales Element der Haches war die systematische Erforschung von Holzfarben und Beiztechniken.
Eine gesicherte Zuschreibung lässt sich auf Grundlage der derzeitigen Forschungslage jedoch nicht vornehmen. Meiner Meinung nach könnte es auch einen Zuliefererbetrieb gegeben haben, der sich auf die Fertigung von Furnierflächen dieser Art spezialisiert hat und damit Werkstätten in der Region beliefert hat.
Sollten Sie, die Sie diesen Text gerade lesen, Informationen zu dem Thema haben, so würde ich mich sehr über eine Kontaktaufnahme freuen.
Zustand: Aufgearbeiteter und alltagstauglicher Zustand.
Preis: 7500,- €
Vergleichen Sie hierzu bitte die schon im Text erwähnte Fachliteratur:
René Fonvieille - La Dynastie des Hache
Pierre und Françoise Rouge - Le génie des Hache
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