Mailand
Nussbaum, Eisen, Stahl
1870er Jahre
Maße: H x B x T: 224 x 267 x 66 cm
Beschreibung:
Extrem seltener dreitüriger Sicherheitsschrank aus massivem Nussbaum mit Bronzebeschlägen im Empire-Stil.
Aufgrund seines hohen Eigengewichts ruht der für den Transport zerlegbare Schrank nicht auf Füßen, sondern auf einer umlaufenden Sockelzarge.
Die Seiten sowie die drei Türen sind in Rahmen- und Füllungsbauweise ausgeführt. Die dezente Maserung des Nussholzes changiert in vielfältigen warmen Brauntönen. Die über Jahrzehnte gewachsene Patina verleiht dem Möbelstück seinen unverwechselbaren Charakter.
Fein gegossene und sorgfältig vergoldete Bronzebeschläge stehen in schönem Kontrast zum Holz und verleihen dem holztechnisch eher rustikal wirkenden Möbel seine elegante Note. In Verlängerung der senkrecht verlaufenden Hölzer der Möbelfront sorgen die auf dem Gesims montierten Maskarons für eine optische Betonung der Vertikalen, wodurch der Schrank trotz seines flachrechteckigen Grundrisses eine bemerkenswerte Höhenwirkung entfaltet. Die zwischen den Maskarons montierten Urnenvasen betonen die Dreigliedrigkeit des Möbels, Lyren im Rosenkranz markieren jeweils das Zentrum der beiden äußeren Türen.
Das Hauptaugenmerk gilt aber der zentralen Tür mit der von einem Bronzering eingefassten Eisenplatte. Vermutlich ins Metall geätzt, sehen wir eine Szene mit Amor und Psyche, die vor dem Sternenhimmel über den Wolken schweben.
Exakt mittig auf der Tür platziert, entsteht im Zusammenspiel mit den Bronzeapplikationen auf den äußeren Türen sowie dem Zugknauf und dem Schlüsselloch eine bewusste Betonung der Mittelachse des gesamten Schrankes. So ist es dem Gestalter gelungen, dem Möbelstück trotz der asymmetrisch verlaufenden Holzmaserung eine geometrische Strenge und zugleich eine harmonische und ausgewogene Gesamtwirkung zu verleihen.
Die Eisenplatte dient jedoch nicht nur gestalterischen Zwecken, sondern soll in erster Linie das Schlüsselloch verdecken und vor unbefugtem Zugriff schützen. Durch Druck auf einen geschickt verborgenen Auslöser unterhalb der großen Holzrosette schnellt die Platte federunterstützt nach vorn, klappt nach unten und gibt den Blick auf das sternförmig ausgeführte Schlüsselloch frei.
Der zugehörige Schlüssel besitzt einen zylindrischen Schaft mit mehrfachen, umlaufend angeordneten Längsrippen, die als Schlüsselführung und -anschlag dienen, während die eigentliche Schließfunktion im Inneren durch ein Schieber- oder Zuhaltungssystem erfolgt, das an ein 1784 von Joseph Bramah entwickelte Schloss-Patent erinnert.
Bedient wird ein mit insgesamt acht Riegeln ausgeführtes Tresorschloss, das auf der Innenseite der Tür montiert ist. Die fein mit Rankenwerk gravierte Schlossplatte trägt die Bezeichnung "FLL Invitti Milano 1876" und verweist damit auf den Hersteller des Schlosses. Das Sicherheitsschloss setzt sich auch auf der linken Tür fort und wird dort von innen mit Hilfe eines Griffes bedient.
Für den hohen Sicherheitsstandard des Schrankes sorgen jedoch nicht nur die massiven Schlösser, sondern auch die Tatsache, dass das gesamte Schrankfach hinter den beiden Türen mit etwa zwei Millimeter starken Eisenplatten beschlagen ist.
Der Innenraum wird durch drei Einlegeböden gegliedert und diente vermutlich der Aufbewahrung geschäftlicher Dokumente, wichtiger Unterlagen oder privater Wertgegenstände.
Die dritte Tür verfügt über ein solide verarbeitetes und ebenfalls mit "FLL INVITTI MILANO" gestempeltes Stangenschloss, hat ansonsten aber keine weiteren Sicherheitsvorkehrungen.
Eine bei der Camera di commercio di Milano Monza Brianza Lodi (Handelskammer Mailand) in der Abteilung Gestione Documentale e Archivi (Dokumentenverwaltung und Archive) angestellte Recherche hat ergeben, dass die Brüder Andrea und Paolo Invitti die Firma Fratelli Invitti am 21.09.1886 bei der Stadt Mailand eintragen ließen. Der Firmensitz befand sich in der Via Commenda 25. Die Geschäftstätigkeit des Unternehmens umfasste Eisenkonstruktionen, Brückenbau, Beschläge, Überdachungen, Eisenbahnfahrzeuge sowie verwandte Schlosserarbeiten sowie Konstruktionen aus Holz und Mauerwerk.
Da es im Jahr 1888 nachweislich Aktien der Firma FLL Invitti gab, scheint es plausibel, dass die Firma im Jahr 1876 bereits als kleinere Schlosserei bestand, allerdings ohne Firmenregistrierung bei der Stadt Mailand. Die Eintragung einer Gesellschaft war damals noch freiwillig. Gewerbetreibende konnten ihre Tätigkeit auch ohne Eintragung ausüben, sofern sie die jährlichen kommunalen Abgaben entrichteten.
Möglicherweise entwickelte sich aus der Schlosserei in den Folgejahren ein größerer metallverarbeitender Betrieb, der dann in den späten 1880er Jahren zur Realisierung größerer Projekte in eine Aktiengesellschaft überführt wurde und in diesem Zuge bei der Handelskammer Mailand registriert wurde.
Wissenswertes:
Norditalien entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einer wirtschaftlich bedeutenden Region innerhalb Europas. Insbesondere Mailand profitierte von seiner Rolle als Handels-, Banken- und Industriestandort. Mit dem wachsenden Bedarf an sicherer Aufbewahrung von Dokumenten, Wertpapieren und Bargeld entstanden Werkstätten, die sich auf die Herstellung von Sicherheitsschränken, Tresoren und komplexen Schließmechanismen spezialisierten.
Neben den klassischen „Cassaforte“ in lackierter oder metallischer Ausführung entstanden in Norditalien auch repräsentative Möbelstücke mit aufwendiger Sicherheitskonstruktion, die sich harmonisch in Wohn- oder Geschäftsräume einfügten. Sie vereinten die Schutzfunktion eines Tresors mit der handwerklichen und gestalterischen Qualität hochwertiger Möbel.
Einen Sekretär dieser Art hatte ich bereits einmal im Sortiment. Ein Schrank wie das hier angebotene Exemplar ist mir persönlich bislang jedoch noch nie begegnet. Auch in der Fachliteratur konnte ich lediglich einen annähernd vergleichbaren, wenn auch deutlich kleineren Sicherheitsschrank nachweisen. Vergleichen Sie hierzu bitte: Enrico Colle - Il Mobile Impero in Italia, Mailand, S. 275.
Zustand:
Aufgearbeiteter Zustand. Die Schließmechanik wurde zerlegt, von Grund auf gereinigt und anschließend geschmiert. Sie läuft einwandfrei und flüssig.
Das Holz wurde schonend und unter Erhalt der Patina gereinigt und mit einer Schellackpolitur aufgefrischt. Kleinere Risse und Unebenheiten wurden geschlossen und geglättet.
Das Möbelstück befindet sich in einem absolut authentischen und wünschenswerten Zustand.
Preis: 38 000,-€
Vergleichen Sie bitte die folgende Fachliteratur:
Ulf Weissenberger - Antike Tresore - Antique Safes S. 67 u.a.
Enrico Colle - Il mobile Impero in Italia S. 275
Artikel gefunden unter: Schränke & Vitrinen
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