Paris
feuervergoldete Bronze
frühes 19. Jahrhundert
Maße: H x B x T: 34 x 27 x 11 cm
Beschreibung:
Auf Glockenfüßen stehende, feuervergoldete Bronzeuhr aus dem frühen 19. Jahrhundert.
Der oktogonale Sockel ist frontseitig durch ein Relief geschmückt, das dem Themenkreis von Seefahrt und kolonialem Handel gewidmet ist: Flankiert von weit ausladenden Palmblättern zeigt sich eine Komposition aus Anker und Papagei sowie aus Ballen, Kisten und Fässern, die Tabak, Rum und weitere Kolonialwaren enthalten.
Ein großes Rumfass ist auch Gegenstand in der figürlichen Darstellung oben auf dem Sockel, es bildet die Trommel für das Uhrwerk und zeigt frontseitig das weiß emaillierte Zifferblatt mit römischen Stundenziffern, einer feinen Minuterie und der Signatur des Uhrmachers: Faizan à Paris.
Das Fass wird von einem jungen Mann gerollt und wahrscheinlich auf ein Handelsschiff verladen. Die Szenerie gibt der Uhr ihren allgemeingebräuchlichen Namen: "Der Fassroller".
Der dunkelhäutige Mann mit dichten Locken, ein Arbeiter in den west-indischen Kolonien, mit weiß gemalten Augen, barfuß und mit nacktem Oberkörper, trägt eine Hose mit auffälligem Bund. Seine Arme sind mit Armbändern aus vergoldeter Bronze geschmückt. Deren Vorhandensein ist zugleich dekorativ und funktional, da sie die Verbindungsstellen der einzeln gegossenen Bronzeteile verdecken.
Bei dem Uhrwerk handelt es sich um ein typisches französisches Pendulenwerk mit einer Gangdauer von etwa acht Tagen sowie einem halbstündlich auslösenden Schlosscheiben-Schlagwerk. Das Pendel ist, der Zeit entsprechend, an einem feinen Faden aufgehängt. Durch das Drehen einer Rändelschraube wird dieser Faden auf- oder abgewickelt, wodurch sich die Lage des Pendelschwerpunkts verändert und sich auf diese Weise die Ganggeschwindigkeit präzise regulieren lässt.
Die Werkstatt Faizan(t) ist laut Tardy - Dictionnaire des Horlogers Francais in der Rue St-Denis in Paris nachweisbar.
Eine baugleiche Uhr befindet sich seit 2009 in der Sammlung des Musée d’Aquitaine in Bordeaux, Frankreich (Inv. 2009.4.1 à 3).
Wissenswertes:
Das Modell des Fassrollers wurde um 1805 von Jean-André Reiche entworfen. Reiche, der 1752 in Leipzig geboren wurde, siedelte nach Paris über, wo er 1785 in die Gilde der Bronzegießer aufgenommen wurde. Durch seine herausragenden Entwürfe und die perfekte handwerkliche Umsetzung erlangte er neben einem guten Ruf und allgemeiner Bekanntheit auch eine Beschäftigung als Bronzelieferant für den kaiserlichen Hof. Neben Bronzegießern beschäftigte er auch Modellierer, Ziseleure, Vergolder und Marmorschneider und war so in der Lage nicht nur einzelne Bronzeteile, sondern komplette Uhrengehäuse zu fertigen.
Die hier nun angebotene Uhr gehört zu einer Reihe von Pendulen, die unter dem Begriff „Pendule au Noir“ im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert bekannt und beliebt wurden. Neben der Darstellung des Fassrollers gibt es noch zahlreiche andere Pendulen, die sich mit dem Thema der Kolonialisierung beschäftigen. Zu nennen sind hier u.a. der Portefaix, der Matelot, der Tabakschütter oder das Modell mit der Schubkarre. Die Darstellungen der arbeitenden Schwarzen ist dabei stets stark idealisiert. Der Gesichtsausdruck der Männer ist ruhig; ihre Haltung zeigt weder Anspannung noch körperliche Anstrengung. Es entsteht ein ästhetisches Wechselspiel zwischen der dunklen Haut, der feuervergoldeten Bronze und dem Weiß des Zifferblattes.
Heutige Betrachter reagieren auf diese Objekte gleichermaßen fasziniert wie irritiert: Fasziniert einerseits durch die hohe Qualität der fein gearbeiteten Bronzen und den Reiz des Exotischen, distanziert andererseits, durch eine mögliche Diskriminierung die durch die Darstellung des offensichtlichen Sklaven vermutet wird. Auch die historische Bezeichnung „Pendule au Noir“, die sich auf die dunkle Hautfarbe der dargestellten Figur bezieht, kann diesen Eindruck noch verstärken.
Dieser Begriff „Pendule au Noir“ war bereits zur Entstehungszeit der Uhren gebräuchlich. Die Epoche um 1800 war geprägt von Seefahrt, Entdeckungsreisen und einer stetigen Erweiterung des geografischen und kulturellen Horizonts Europas. Viele Europäer hatten nie zuvor dunkelhäutige Menschen gesehen; alles aus außereuropäischen Regionen erschien als exotisch und wurde von Künstlern aufgegriffen. Neben menschlichen Darstellungen fanden auch Tiere und Pflanzen Eingang in die Gestaltung, etwa Paradiesvögel, Schmetterlinge, Tabak oder Gewürze.
Im Kunsthandel wurde die Bezeichnung „Pendule au Noir“ später durch „Pendule au Nègre“ oder, als dieser Ausdruck politisch und gesellschaftlich nicht mehr vertretbar war, durch Begriffe wie „Pendule au Bon Sauvage“ ersetzt. Auch dieser Begriff, der wörtlich übersetzt "Uhr mit einem edlen Wilden" bedeutet, ist aber natürlich kritisch zu betrachten.
Eine allgemein anerkannte, politisch neutrale Bezeichnung hat sich bislang nicht etabliert. Vereinzelt werden beschreibende Bezeichnungen verwendet, etwa „Pendule mit afrikanischer Figur“, „Pendule mit dunkel patinierter Figur“ oder „Figurenpendule mit afrikanischer Darstellung“.
Zustand:
Wunderbarer, authentischer Zustand. Das Werk wurde generalüberholt und funktioniert einwandfrei.
Preis: 15500,- €
Vergleichen Sie zu dieser Uhr bitte die folgende Fachliteratur:
Elke Niehüser - Die französische Bronzeuhr - Eine Typologie der figürlichen Darstellungen ab S. 140
Wannenes - Les plus belles pendules françaises - De Louis XIV à l’Empire S. 308
Artikel gefunden unter: Uhren
Zum Warenkorb hinzufügen
Amsterdam
Nusswurzel u.a.
um 1760

Schweiz
Messing vergoldet und lackiert
Baujahr 1980

Italien (?)
Obstholz
Art Nouveau um 1910